Der Versuch einer Stellungnahme zum Nahostkonflikt

1. Vorbemerkung 
Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist ständiges Thema in den verschiedenen Medien, nicht minder in den kirchlichen. Dieser Konflikt erhält sehr viel kräftigere Schlagzeilen als irgendeiner der vielen anderen Konflikte in dieser Welt. Wer auch immer als Außenstehender zu diesem Konflikt bzw. zu dem Umfeld dieses Konfliktes sich äußert, tut gut daran, sich sehr genau Rechenschaft darüber abzulegen, was er/sie mit einer Stellungnahme bezweckt und was die eigenen Motive dafür sind. Ist es wirklich Friedenssehnsucht oder sind die Motive stärker bestimmt von nicht verarbeiteter Christentumsgeschichte und/oder deutscher Geschichte, um zwei Pole möglicher Motive zu nennen?

Wann immer sich diejenigen, die nicht in Israel bzw. in Palästina leben, zu dem Konflikt äußern, sollten sie zweierlei unbedingt mitbedenken:

a) Sie reden vom grünen Tisch, keiner kennt die Angst, die tagtäglich auf israelischer Seite mitläuft vor erneuten terroristischen Gewaltverbrechen, und keiner kennt die Demütigungen, denen Palästinenser durch die Besatzer ausgesetzt sind.

b) Wir als Deutsche und Christen sind Teil des Problems, schon das verbietet, mit einfachen Ratschlägen und/oder Lösungen auf den Plan zu treten. Wir sind Teil des Problems, weil die Shoah für die Überlebenden keinen anderen Weg lässt, als dass Jüdinnen und Juden einen eigenen geschützten Raum haben und weil bis heute europäische Politik einen wesentlichen Faktor im politischen Geschehen des Nahen Ostens ausmacht.

2. Theologische Eckpunkte 
Jahrhundertelang wurde die Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. und der Verlust der Eigenstaatlichkeit in christlichen Kreisen als göttliche Strafe dafür gesehen, dass Juden das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus ablehnen. Das Ende von Tempel und Land galt als Beweis für die Richtigkeit des christlichen Glaubens und für die Falschheit des jüdischen Glaubens (vgl. sehr prominent die ‚Acht Reden gegen die Juden' des Johannes Chrysosthomus). Solches Denken ist mit der Staatsgründung 1948 in jedem Falle hinfällig.

Die Vertreibung der Juden aus Europa hat erheblich zur Staatsgründung beigetragen. Israel ist nach 1948 Zufluchtsstätte - nach der jahrhundertelangen Geschichte von Vertreibung und Verfolgung ist dies auf Dauer nötig. In vielen Erklärungen beteuern die katholische und evangelische Kirchen nach 1945, dass Gottes Treue Israel unwiderruflich gilt. Sie vollziehen damit eine deutliche Wende von dem Irrweg, der für Israel nur einen Platz unter dem Gericht Gottes vorgesehen hatte.

Wenn wir Volk und Land nicht spiritualisieren, dann sind die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes, die Heimkehr in das Land der Verheißung und auch die Errichtung des Staates Israel (nämlich als Zufluchtsstätte) Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk, im Sinne "eines Hinweises ..., der über sich hinausweist auf die Bewahrung des Volkes in der Schoa und auf den Neuanfang." (Martin Stöhr. Israel - Volk - Land - Staat. Zwischen Heilsgeschehen und Unheilsgeschichte. In: Materialdienst Evangelischer Arbeitskreis Kirche und Israel in Hessen und Nassau. Nr. 1/2004. S. 3)

3. Historische Eckpunkte
Im November 1947 beschloss die UNO einen Teilungsplan, der einen jüdischen und arabischen Staat vorsah. Dieser Plan wurde von jüdischer Seite trotz harter Bedenken anerkannt, von arabischer Seite nicht. Der dann 1948 ausgerufene israelische Staat wurde von arabischer Seite bekämpft.

Als palästinensische Bürger galten im britischen Mandatsgebiet Juden, Christen, Muslime, Drusen, waren sie Araber oder Juden, Alteingesessene oder Neueinwanderer bis 1948. Einen Einschnitt markiert das Jahr 1967. Mit dem 6-Tage-Krieg fallen das von Jordanien besetzte Westjordanland und der Gazastreifen unter israelische Besatzung. Die dortige arabische Bevölkerung hatte weder die israelische noch die jordanische Staatsbürgerschaft inne. Die Menschen dort leben als Flüchtlinge oder Vertriebene aus dem Israel der Waffenstillstandslinien (bis 1967) oft in Flüchtlingslagern und verstehen sich von nun an als Palästinenser, sie entdecken, nun selbst ein Volk zu sein und kämpfen um ihr Selbstbestimmungsrecht. Zwar wird mit dem Osloer Abkommen Israel anerkannt, dennoch bleiben bedeutende Strömungen im palästinensischen Lager dabei, die Existenz Israels zu leugnen, zu bedrohen oder beenden zu wollen.

4. Wahrnehmungsebene
Die Situation in Israel und Palästina ist nicht geeignet für einfache Schwarz-Weiß-Schemata.
Israelis und Palästinenser haben ihre jeweilige Geschichte und ihre jeweilige Deutung.
Auf israelischer Seite herrscht Angst und ein massives Bedrohungsgefühl vor. Israelis sehen sich mit ihrem kleinen Landstrich entlang des Mittelmeeres in der Rolle des David, bedroht von großen arabischen Ländern, die in der Regel keine demokratischen Strukturen kennen und zum Teil Gewalt gegen Israel offen oder versteckt unterstützen. Als großes Problem wird ebenso gesehen, dass auf palästinensischer Seite nur unzureichend zuverlässige Gesprächspartner zur Verfügung stehen.

Auf palästinensischer Seite herrscht Wut, Empörung, Niedergeschlagenheit vor. Palästinenser erleben eine in ihren Augen willkürliche Besatzungsmacht, Häuser werden zerstört, Gebiete abgetrennt, jüdische Siedlungen inmitten des palästinensischen Gebietes gebaut, Grenzen werden abgeriegelt, so dass es unmöglich wird, die Arbeitsstelle aufzusuchen und Geld zu verdienen.

Beide Geschichten sind wahr, beide haben Recht.
Es macht keinen Sinn, danach zu suchen, wer mehr oder weniger Recht habe, viel wichtiger ist es, den Blick darauf zu richten, was an positiven Ansätzen da ist, z. B. darauf, dass untergeordnete Delegationen von israelischer und palästinensischer Seite ihre Konsultationen auch während der Intifada II fortgeführt haben, auf gemeinsame Projekte im Bereich der Erziehung und Bildung ("Living in the Holy Land. Respecting Differences") oder auf Projekte wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Auf diesen Ebenen wird beiden deutlich, dass es eine Zukunft nur mit dem jeweils anderen gibt.

5. Handlungsebene 
a) Unabdingbar ist unsere sicht-, hör- und fühlbare Solidarität mit den jüdischen Gemeinden in Bayern bzw. in Deutschland. Angriffe gegen sie sind mit nichts zu rechtfertigen. Als Kirche müssen wir klar und deutlich Stellung beziehen gegen jeden aufkommenden und geäußerten Antisemitismus.

b) Kritik an der Politik des Staates Israel wird tagtäglich in den Medien geübt, deshalb sind alle Versuche, Kritik an der Politik Israels als Tabubruch zu stilisieren, klar abzuweisen. Voraussetzung jeder Kritik an der Politik des Staates Israel ist das uneingeschränkte Eintreten für die Existenz dieses Staates. Kritik muss immer konkret, sachgemäß und verhältnismäßig sein und darf nicht verallgemeinernd von den Israelis oder den Palästinensern reden An die Politik des Staates Israel können nur die Maßstäbe angelegt werden, die auch für jeden anderen Staat gelten. Antisemitisch wird Kritik an Israel, wenn israelische Politik allzu pauschal als ‚typisch jüdisch' (o.ä.) bezeichnet, mit nationalsozialistischen Verbrechen verglichen wird oder wenn dem Staat Israel nicht - wie allen Staaten - das Recht auf Selbstverteidigung zugebilligt wird.

c) Kritik an der Politik der Palästinenser muss in ebenso klarer, sachgemäßer und verhältnismäßiger Weise zum Ausdruck kommen. Selbstmordattentate sind Terrorismus und mit nichts zu rechtfertigen. Die Kritik soll getragen sein von dem genauso eindeutigen Eintreten für das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung.

d) Fundamentalistischen Kreisen, ob Juden, Christen oder Muslimen, muss von uns klar entgegengesetzt werden, dass religiöse Bücher zwar Leitlinien für das politische Handeln beinhalten, aber keine konkreten Handlungsanweisungen für aktuelle Auseinandersetzungen geben. Hier sind wir als christliche Gruppierung insbesondere gegenüber jenen christlichen Kreisen gefordert, die aufgrund der Bibel ein Großisrael fordern. In deren Sichtweise ist dies eine Voraussetzung für die Wiederkunft des Messias. Letztlich wird Israel damit für die eigenen Zwecke und Wünsche instrumentalisiert. Das Leiden der Menschen in Israel und Palästina wird in diesem Drama der Endzeit billigend in Kauf genommen.

e) In Israel gibt es viele regierungskritische Stimmen mit sehr unterschiedlichen Optionen in der Frage der Koexistenz mit den Palästinensern. Wir tun gut daran, das Konzert der Stimmen zu hören und uns nicht nur genehme Personen auszusuchen, die in der israelischen Friedensbewegung aktiv sind.

f) Besonders Projekte im Bereich Bildung und Erziehung, die versuchen, festgefahrene Bilder über den jeweils Anderen aufzubrechen und zu korrigieren, verdienen Gehör und Unterstützung (z. B. Abrahams Herberge in Beit Jala, Neve Schalom, Aktion Sühnezeichen u.a.)

g) Um die Menschen in Israel und Palästina zu unterstützen und um sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen, ist die beste Möglichkeit, in das Land zu reisen: Für Touristen ist das Sicherheitsrisiko bei Beachtung der Sicherheitshinweise gering. Für Israel und Palästina ist das Ausbleiben des Tourismus ein wirtschaftliches Fiasko, mit einer Reise kann Solidarität vom bloßen Wort zur sichtbaren Unterstützung werden.

h) Last not least: In der Fürbitte dafür beten, dass beide Völker nebeneinander leben können, dem Blutvergießen ein Ende machen und Wege finden aus der Ausweglosigkeit.

Hans-Jürgen Müller (12. Januar 2005)