Stellungnahme der Instituts für christlich-jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau zur „Orientierungshilfe ‚Die Reformation und die Juden‘“ des Wissenschaftlichen Beirates zum Reformationsjubiläum 2017
 

Unter Federführung des Direktoriums (Prof. Dr. Wolfgang Kraus, Prof. Dr. Michael Pietsch, 
Prof. Dr. Gury Schneider-Ludorff, Prof. Dr. em. Helmut Utzschneider [beratend]) und der Geschäftsführung (Dr. Axel Töllner) hat das Institut für christlich-jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau, an dem BCJ.Bayern auch maßgeblich beteiligt ist, eine Stellungnahme veröffentlicht, die die „Orientierungshilfe ‚Die Reformation und die Juden’“ des Wissenschaftlichen Beirates zum Reformationsjubiläum 2017 kritisch rezipiert.

So sehen die AutorInnen der Stellungnahme im Bezug auf Luthers Judenfeindschaft „verschiedene Aspekte unvollständig und verkürzt dargestellt” und fordern „differenziertere Äußerungen”. Dem Ansatz, „Luthers Äußerungen im zeitgeschichtlichen Kontext zu verorten, ist uneingeschränkt zuzustimmen”, jedoch sehen sie in der Orientierungshilfe einen apologetischen Grundton und üben deutliche Kritik insbesondere an vier Punkten:

  1. „Die Problematik der judenfeindlichen Aussagen Luthers bleibt unterbestimmt.”
  2. „Die Orientierung vereinseitigt Luthers Judenbild, indem sie theologische Motive weitgehend ausklammert.”
  3. „Die Orientierung unterschätzt die Nachwirkung von Luthers Judenfeindschaft.”
  4. „Die Orientierung rezipiert die aktuelle Forschung nur zum Teil und nimmt die im christlich-jüdischen Gespräch errungenen Einsichten und Positionen nicht zur Kenntnis.”


Der Wortlaut der Stellungnahme des Instituts ist im Folgenden abgedruckt und kann hier als pdf-Dokument heruntergeladen werden. Die Orientierungshilfe ‚Die Reformation und die Juden‘“ des Wissenschaftlichen Beirates zum Reformationsjubiläum 2017 kann hier heruntergeladen werden.
 

 


 


Stellungnahme zur „Orientierungshilfe ‚Die Reformation und die Juden‘“
des Wissenschaftlichen Beirates zum Reformationsjubiläum 2017

 

Das Thema „Die Reformation und die Juden“ bzw. „Luther und die Juden“ hat in der öffentlichen Debatte in jüngster Zeit erhöhte Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es ist daher grundsätzlich sehr zu begrüßen, dass der Wissenschaftliche Beirat nun dazu eine Orientierungshilfe verfasst hat (URL: http://www.luther2017.de; letzter Aufruf 17.11.2014). Insbesondere der Ansatz, Luthers Äußerungen in den zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen und vor diesem Hintergrund zu deuten, ist eine notwendige Herangehensweise und darf als sachgemäß betrachtet werden.
Dennoch erscheinen bei der eingehenden Lektüre der Schrift verschiedene Aspekte unvollständig und verkürzt dargestellt. Im Blick auf die Reformationsdekade und das Selbstverständnis des Protestantismus sowie seines zukünftigen gesellschaftlichen Beitrages bedarf es differenzierterer Ausführungen.


A. Zum Inhalt:

In zwei Schritten nähert sich die Orientierungshilfe „Die Reformation und die Juden“ dem Thema an: Luthers Aussagen zum Umgang mit Juden (S. 7–14) und die Rezeption seiner Aussagen (S. 14–16).


Anders als es der Titel vermuten lässt, beschränkt sich die Publikation jedoch weitgehend auf zwei Schriften Martin Luthers „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) und „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543). Zentraler Leitgedanke ist dabei, Luthers Einstellung zu den Juden von seinen gesellschaftspolitischen Entwürfen her zu deuten. Demnach habe Luther anfänglich das „corpus-christianum-Modell“ infrage gestellt und eine weitgehende rechtliche Gleichstellung der Juden gefordert. Später sei Luther zum vorreformatorischen Modell zurückgekehrt. Dabei habe er die Vertreibung der Juden propagiert und ihnen nur noch einen sklavenähnlichen Status gewähren wollen.

Die Spätschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ sei im Wesentlichen erst seit Ende des 19. Jahrhunderts, vor allem aber durch die Nationalsozialisten, für die antisemitische Propaganda rezipiert worden.


B. Zur Kritik:

1. Die Problematik der judenfeindlichen Aussagen Luthers bleibt unterbestimmt.


Dem Ansatz der Orientierungshilfe, Luthers Äußerungen im zeitgeschichtlichen Kontext zu verorten, ist uneingeschränkt zuzustimmen. Ihr Grundton ist jedoch zumeist apologetisch. So wird die Meinung vertreten, Luthers judenfeindliche Aussagen seien deshalb eine bleibende Hypothek, weil die Nationalsozialisten Luther für ihre Judenfeindschaft instrumentalisiert hätten. (S. 7, S. 16)
Hingegen muss Luthers Judenfeindschaft selbst als Hypothek bezeichnet werden, unabhängig von ihrer Nachgeschichte. Diese kommt erschwerend hinzu. Auch dort, wo die Orientierung kritisch zu Luthers Äußerungen von 1543 Stellung bezieht, bleibt sie an der Oberfläche.

Bei der hier vorgenommenen Historisierung fallen vor allem die antikatholischen Spitzen (S. 8–10) sowie der Hinweis auf antichristliche jüdische Polemiken auf (S. 13). Der letzte Hinweis blendet jedoch die unterschiedliche soziale und rechtliche Situation der jeweiligen Autoren und Adressaten der Polemiken aus. Deplatziert erscheint der explizite Hinweis darauf, dass mit Alex Bein ein jüdischer Historiker die Polemik von „Juden gegen christliche Zentrallehren“ als geradezu notwendig bezeichnet habe (S. 13).


2. Die Orientierung vereinseitigt Luthers Judenbild, indem sie theologische Motive weitgehend ausklammert.

Die Orientierung setzt die beiden „Judenschriften“ kaum mit Luthers Theologie in Beziehung. Damit verkennt sie die theologische Bedeutung, die Luthers einseitig negatives Judenbild für die Ausbildung und Entwicklung seiner Theologie zeitlebens hatte (vgl. zuletzt Thomas Kaufmann, Luthers Juden, Stuttgart 2014, z.B. S. 171–174). So kann sie weder die Zerrbilder, die Luther sich von Juden machte, angemessen erfassen noch über den größeren Zusammenhang von „Reformation und Juden“ informieren.

Mit diesem eingeschränkten Zugang fällt die Orientierung hinter den derzeitigen Forschungsstand zurück. Sie begründet Luthers Judenfeindschaft mit seinem Ziel, religiöse Einheit in den sich konsolidierenden konfessionellen Territorien zu erreichen (S. 13f.). Dies jedoch erklärt die obsessive Aggressivität des Judenhasses beim späten Luther nicht. Seine Hauptmotive sind theologischer Natur: Luther gibt an, er müsse angesichts des drohenden göttlichen Gerichts vor dem wesenhaft gotteslästerlichen Verhalten der Juden warnen (WA 53, S. 542, 3f.).
Der späte Luther hat alles Jüdische umfassend dämonisiert. Luther ist nicht mit dem Hinweis darauf zu entlasten, dass seine Motive noch nicht rassistisch seien. Die jüngere Antisemitismusforschung weist bei allen Differenzierungen zwischen unterschiedlichen Erscheinungsformen der Judenfeindschaft auf Kontinuitätslinien hin. Auch Luthers Schrift von 1523 ist keinesfalls „judenfreundlich“. Luther konnte in Juden nur die potenziellen Christen positiv würdigen. Dieses Konversionspotenzial freizusetzen, war das eigentliche Ziel seiner sozialreformerischen Forderungen.


3. Die Orientierung unterschätzt die Nachwirkung von Luthers Judenfeindschaft.

Die These, die vermeintlich „judenfreundliche“ Lesart Luthers durch den Pietismus sei für 200 Jahre normativ gewesen und die Spätschriften seien bis zum Aufkommen der antisemitisch-völkischen Bewegung nicht rezipiert worden (S. 14), ist in Frage zu stellen und bedarf deutlicher Korrekturen. Dies hat zuletzt die Tagung „Die Rezeption von Luthers ‚Judenschriften‘ im 19. und 20. Jahrhundert“ am 6./7. Oktober 2014 in Erlangen gezeigt. Die Spätschriften waren verfügbar und als mentale Ressource jederzeit einsetzbar.


4. Die Orientierung rezipiert die aktuelle Forschung nur zum Teil und nimmt die im christlich-jüdischen Gespräch errungenen Einsichten und Positionen nicht zur Kenntnis.

So notwendig es ist, den historischen Hintergrund für Luthers Judenfeindschaft zu beleuchten, so schwierig ist es, den Reformator durch Verkürzungen entlasten zu wollen. Die Orientierung rezipiert die aktuelle Forschung einseitig. Sie ignoriert die im christlich- jüdischen Gespräch errungenen Einsichten und Positionen. Die „Reformation der Reformation“, die sich in den letzten Dekaden im Protestantismus durch den christlich- jüdischen Dialog ereignet hat, wird nicht wahrgenommen.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern hat bereits 1998 in ihrer Erklärung Christen und Juden gefordert: „Es ist für die lutherische Kirche, die sich dem Werk und Erbe Martin Luthers verpflichtet weiß, unerläßlich, auch seine antijüdischen Äußerungen wahrzunehmen, ihre theologische Funktion zu erkennen und ihre Wirkung zu bedenken. Sie hat sich von jedem Antijudaismus in lutherischer Theologie zu distanzieren. Hierbei müssen nicht nur seine Kampfschriften gegen die Juden, sondern alle Stellen im Blick sein, an denen Luther den Glauben der Juden pauschalisierend als Religion der Werkgerechtigkeit dem Evangelium entgegensetzt.“
Der in der EKD-Schrift „Rechtfertigung und Freiheit“ (2014) geforderten kritischen Musterung und selbstkritischen Reflexion der Äußerungen der Reformatoren über das Judentum (S. 22) wird die Orientierung kaum gerecht.


Institut für christlich-jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau

Das Direktorium

Prof. Dr. Wolfgang Kraus

Prof. Dr. Michael Pietsch
Prof. Dr. Gury Schneider-Ludorff

Prof. Dr. em. Helmut Utzschneider (beratend)
Der Geschäftsführer Dr. Axel Töllner
 

20.11.2014