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Pionier des christlich-jüdischen Dialogs verstorben

PIONIER DES JÜDISCH-CHRISTLICHEN DIALOGS VERSTORBEN

Dr. Andreas Goetze, landeskirchlicher Pfarrer für Interreligiösen Dialog der EKBO, Lehrbeauftragter am "An-Institut Kirche und Judentum der Humboldt-Universität Berlin"  (mit freundlicher Genehmigung)

Am Dienstagmorgen, den 28.06.2022, starb der evangelische Theologe und langjährige Leiter des Institutes Kirche und Judentum, Professor Dr. Peter von der Osten-Sacken (*1940) in Berlin.

In diesen Tagen denken wir an seine Familienangehörigen, die nun im kleinen Familienkreis Abschied nehmen müssen. Möge Gottes Trost sie umhüllen.

Bischof Dr. Stäblein schrieb in einer Kurznachricht dazu: „Der Tod von Professor Peter von der Osten-Sacken macht mich sehr traurig. Wir, die Kirche und die Gesellschaft, verlieren mit ihm einen der großen Pioniere des jüdisch-christlichen Dialogs hier in Deutschland". Von 1973-1993 war er Professor für Neues Testament an der Kirchlichen Hochschule Berlin (West), von 1974-1994 Leiter des Instituts Kirche und Judentum an der Hochschule und von 1993 an bis zu seiner Emeritierung Professor für Neues Testament und Christlich-Jüdische Studien an der Humboldt-Universität Berlin. 2005 erhielt Peter von der Osten-Sacken die „Buber-Rosenzweig-Medaille" für sein unermüdliches und leidenschaftliches Engagement, das Judentum als eine eigenständige und einzigartige Größe anzuerkennen, den traditionellen judenfeindlichen Einstellungen, Denkmustern und Verhaltensweisen abzusagen und den Weg der Umkehr zu einer theologischen Neuorientierung des christlichen Verhältnisses zu Juden und Judentum zu bahnen. 2016 sprach ihm der Senat von Berlin gemeinsam mit Jerome Boateng den Moses-Mendelssohn-Preis zu. Leitlinie war für ihn die „Geschwisterlichkeit mit dem jüdischen Volk", wie er einmal schrieb. „Ungeachtet seiner Stellung zu Evangelium und Kirche ist der Bund Gottes mit seinem Volk ungekündigt, bleibt Israel erwähltes Volk Gottes, seine erste wie auch letzte Liebe". Immer wieder wandte er sich gegen die Karikatur einer jüdischen Gesetzlichkeit, sie doch die Tora „gute Weisung zum Leben". Es war ihm ein Anliegen, die alten, tief eingeprägten stereotypen antijudaistischen Muster und die damit traditionellen theologisch-dualistischen Bilder zu überwinden: Altes Testament - Neues Testament, Gesetz - Gnade, Rache - Liebe, Gewalt - Gewaltfreiheit. Peter von der Osten-Sacken suchte, die klassischen Gegenüberstellungen von Gesetz und Evangelium, Altem und Neuem Bund, Verheißung und Erfüllung in Theologie und Kirche zu überwinden. Juden und Christen seien „nicht gegeneinander auszuspielen, sondern ihre Auslegungen miteinander ins Gespräch zu bringen". Denn das Neue Testament ist ein jüdisches Buch. Als Christinnen und Christen haben wir so viel Judentum in unserer eigenen Tradition, auch im Gottesdienst.

Peter von der Osten-Sacken warb leidenschaftlich für ein Wahrnehmen der je eigenen jüdischen und christlichen Traditionen und suchte sie in einen lebendigen, anregenden Prozess in seine Bibelauslegungen zu bringen. Sein großes Alterswerk, an dem er die letzten Jahre akribisch gearbeitet hat und in dem seine ganzen Erkenntnisse noch einmal konzentriert versammelt sind, wird gewiss zu einem Standardwerk der neutestamentlichen Forschung werden: sein Kommentar zum Galaterbrief unter dem Titel: „Der Brief an die Gemeinden in Galatien", herausgegeben in der Reihe: „Theologischer Kommentar zum Neuen Testament", Band 9, Stuttgart (Kohlhammer) 2019.

 

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